Buchpräsentationen-Lesungen
Gefangen in Deutschland

- Gebundene Ausgabe: 285 Seiten
- Verlag: mvg Verlag (17. März 2011)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3868822194
- ISBN-13: 978-3868822199
Aus Liebe so scheint es, erdulden manche Frauen vieles, oft zu vieles und unverständlich für einen Aussenstehenden. Demütigungen, Seitensprünge, den Verlust der Eigen-und Selbständigkeit und Schläge. Doch irgendwann wird aus Liebe Furcht, vor allem bei ständiger Gewalt wird die Angst zur Angst um das eigene Leben. Gefangen in einer Spirale wo jedes Wort, jede Geste und jeder kleinste Anlass genügt um dem Partner in Wut auszubrechen zu lassen, aus der es kein Entkommen gibt. Wer soll helfen, wer kann helfen und hat der Partner nicht doch vielleicht recht, ist man als Frau zu nichts fähig, ohne ihn nichts, keine ehrbare Frau? Flüchten, wohin wenn dann mit dem Tod gedroht wird, die Frau weiss der Partner wäre dazu fähig, es keine leeren Drohungen sind?
Auf das Buch aufmerksam gemacht, war ich ein wenig skeptisch, eine junge, deutsche Frau wird die Freundin eines Türken. Sollte doch heute kein Problem mehr sein, es ist ja das 21. Jahrhundert und wir sind in Mitteleuropa und nicht in Anatolien.
Doch es ist gut das Katja Schneidt, unterstützt von ihrer Familie, den Mut aufgebracht hat ihre Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die betroffen macht. Betroffen vor allem wie leicht es ist, seine Frau zu verprügeln, das Nachbarn weghören, keiner bereit ist etwas zu unternehmen. Vor allem wenn es sich um einen Kulturkreis handelt, wo die Frau weniger zählt als der Mann. Die in der Geschichte erzählte Hochzeit, zu der Katja eingeladen wird, hat mich betroffen gemacht. Erschreckend, das hier Mittel und Wege gefunden werden um die deutschen Gesetze zu umgehen, das Tradition und die Ehre Vorrang vor allem hat.
Katja lernt ihren Freund ganz normal kennen. So wie es alltäglich passiert. Bei ihrer Arbeit, doch Mahumd ist Türke. Lebt schon seit Jahren in Deutschland, scheint der nette Typ von nebenan zu sein, halt ein wenig fremdländisch im Aussehen. Ist Katja am Anfang noch geschmeichelt von der Eifersucht und dem Besitzansprüchen ihres neuen Freundes, schleichen sich doch bald die ersten Zweifel ein. Ihren Job muss sie aufgeben, ihre eigene Wohnung, leise und immer subtiler werden die Forderungen Mahumds, sich der türkischen Lebensweise anzupassen.
“Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt”, besser lassen sich die “Erziehungsmaßnahmen” nicht beschreiben. Folgen auf die ersten Prügel noch reumütige Liebeserklärungen, bleiben letztere bald aus, sie sei selber schuld an der Gewalt, so die Schlussfolgerung des Türken. Katja, die in der Familie Mahumds eine Ersatzfamilie gefunden hat, von den weiblichen Familienangehörigen liebevoll aufgenommen wird, muss nach Monaten des Terrors erkennen, es ist nicht mehr Liebe, sondern die nackte Angst ums eigene Überleben die sie bei Mahmud hält. Von ihren türkischen, auch deutschen Freundinnen die wie sie mit einem Türken zusammen sind, bekommt sie keine Hilfe. Im Gegenteil, sie muss erkennen, auch hier herrscht nur ein Recht vor- das Faustrecht des Mannes.
Der einzige Unterschied zu anderen Männern ist jener das Mahmud Türke ist. Für die Frauen, oft der deutschen Sprache nicht fähig, eingesperrt von ihren Männern in den Wohnungen, kontrolliert von der Familie, es noch schwerer als für ihre Leidensgenossinen diese Spirale zu durchbrechen. Ärzte die ohne Anzeige nicht handeln dürfen, Polizisten die den Beteuerungen der Frauen, sie seien nur die Treppe hinuntergefallen, glauben müsssen. Nachbarn die weghören, Arbeitskollegen die wegsschauen. Würden Sie ! an der Wohungstüre ihres Nachbarn klopfen, wenn sie eine Frau hören die gerade verprügel wird? Bei Kindesmisshandlung wird weggeschaut und bei Frauen erst recht- sie sind erwachsen- warum bleiben sie bei ihrem prügelnden Partner? Genau diese Frage erklärt Katja Schneidt in ihrem Buch. Nicht mehr die Liebe sondern die Angst, das Wissen es gibt keine Hilfe für sie, weil er würde sie finden und töten und die Hoffnungslosigkeit und Resignation lässt sie bleiben.
Szenen wie sie Schneidt in ihrem Buch beschreibt sind keine Ausnahmen, genau so schlagen deutsche, österreichische, schweizer, englische, Männer jeder Nationalität zu. Verprügeln, weil sie sich in ihrer Ehre gekränkt fühlen, weil sie eifersüchtig sind, sie die Frau als ihr Eigentum betrachten. Laut einer Studie des deutschen Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2007 gaben bei einer Befragung von 10.000 befragten Frauen zwischen 16 und 85 Jahren jede vierte! Frau an, schon einmal in einer Beziehung Gewalt vom Partner erlebt zu haben.
Bei Katja Schneidt kommt noch ein anderer Faktor hinzu- der türkische. Ihr Freund lebt und handelt nach einem Ehrenkodex, der für viele unverständlich ist. Die Frau ist nichts wert, zu nichts zu gebrauchen, unfähig. Ist sie mit einem fremden Mann in einem Raum, ist sie eine Hure, eine Schlampe, betrügt ihn. Kontakte zur Familie, zu deutschen Freunden sind nicht mehr erwünscht, dafür Türkischunterricht und Moscheebesuche. Zweitfrauen, Zwangsehe, Kontrolle und Einschränkungen, die Männer in der Familie Mahumds leben zwar in Deutschland, aber im privaten Bereich leben sie in einer islamischen Parallelwelt.
Mich hat ein Buch lange nicht mehr so betroffen gemacht wie dieses. Der Psychoterror und die Gewalt sind nicht erfunden sondern real. Sie wählt keine herzerweichende Schilderungen, sondern nüchtern und klar, fast wie eine Aussenstehende erzählt sie. Erzählt von der großen Liebe die sie für Mahumd am Anfang empfindet und von der großen Angst die am Ende blieb. Genaus so aber wie es türkische Männer gibt die ihre Frauen verprügeln, gibt es türksiche Männer welche die Vorgehensweise ihrer Landsmänner verurteilen und ihre Frau so behandeln wie man jemanden behandeln sollte den man liebt.
“Gefangen in Deutschland” (200Seiten,Hardcover,mvgVerlag 2011) ist ein Buch das aufrüttelt und eine Forderung beinhaltet- nicht länger wegzuschauen und wegzuhören, egal welche Sprache die Familie nebenan spricht.

Katja Schneidt, Jahrgang 1970
arbeitet hauptberuflich als private Arbeitsvermittlerin und teilt ihr Leben mit Tochter und Sohn sowie mit ihrem Lebensgefährten und dessen Sohn und Tochter sowie mit vier Hunden und einigen Kleintieren. SIe lebt heute in der Nähe von Frankfurt am Main.
