- Gebundene Ausgabe: 207 Seiten
- Verlag: Ueberreuter (Januar 2012)
- Sprache: Deutsch
Und wie hat Ihnen Ihr sonntägliches Backhenderl geschmeckt? Lecker war es- ja kein Wunder, es war doch ein Bio-Henderl. Billig war es zwar nicht, aber aus artgerechter Tierhaltung. Das Sonntagsei,von glücklichen Hühnern. Man sieht es ja in der Werbung. Aber wussten Sie auch das es in einem Biobetrieb fünfzehntausend Stück Legehennen geben kann die jeden Tag ihr Ei legen? Das kaum Bio-Hühnerställe mit weniger als 3000 Hühner zu finden sind.? Das diese glückliche Hühnerleben computergesteuert sind, das Gesetz es erlaubt in einem Bio-Mastbetrieb aufgeteilt auf zwei Stalleinheiten neuntausendsechshundert Hühner zu halten.
Es ist doch eine wunderbare Idylle die uns präsentiert wird, das kleine, süße Schweinderl,mit der extrem nervigen Stimme, hüpft über die Wiese, philosophiert mit sizilianischen Orangenbauern über die Ernte, immer begleitet vom Bauern. Ist Ihnen schon mal aufgefallen das Beide keinen Namen haben? Schweinderl und Bauer, ob da ein Paket mit dem Buch „Der große Bioschmäh“ wohl gut ankommen würde, stilgerecht natürlich vom Briefträger überbracht, der gut gelaunt, natürlich bei Sonnenschein, über blühende Wiesen zum idyllischen Bauernhof radelt, und es dem Schweinderl ins Goscherl steckt.(Ich gestehe manchmal erinnert mich das Vieh an ein Schwein das glaubt es ist ein Hund). Ob das Schweinderl dann auch auf die Frage „Ob`s denn das Buch gut findet?“ auch mit „ja, natürlich!“ beantwortet, bezweifle ich stark. Eher würde dem Bauern, der mich jedes Mal an „Bauer sucht Frau“ erinnert, die Zornesröte ins Gesicht steigen. Da fällt mir ein, wieso gibt’s keine Bäuerin? Oder die Kinder, die strahlend um sechs Uhr morgen die Hühner füttern, bevor sie frohgemut, gewandet in Lodenjanker, Dirndl und selbstgestrickten Strümpfen zur Schule wandern? Also meine Herren und Damen von der Werbung, ein bisserl mehr an Idylle geht doch wohl noch…
Keine heile Welt und Sonnenschein, warum nicht? Weil das Ganze, wie uns Clemens. G.Arvay, seines Zeichens Agrarbiologie, uns in seinem vor kurzem im Ueberreuter Verlag erschienen Buch erzählt, ein riesengroßer Schmäh ist und wir mit Vorliebe glauben was uns die Werbung erzählt. Für die Nichtösterreicher, der Schmäh ist eine typische östereichische Ausdrucksweise, es kann eine lustige, mit Pointen gespickte Unterhaltung sein, oder aber auch eine kleine, feine Lügengeschichte, in der die Wahrheit halt ein bisserl verdreht wird. Das Buch handelt zwar vom österreichischen Markt, aber glauben Sie wirklich nur bei uns rennt hier der Schmäh?
Der Untertitel „ WIE UNS DIE LEBENSMITTELKONZERNE AN DER NASE HERUMFÜHREN“ gibt schon mal die Richtung vor. Nicht gegen BIO, biologischen Handel und Anbau wettert er, sondern dagegen wie uns die Werbung und damit die großen Konzerne der Lebensmittelindustrie eine heile Welt vorgaukeln, die es so gar nicht mehr in dem Ausmaß gibt, nicht geben kann ,um den Bedarf an biologischen Lebensmitteln zu produzieren. Vor allem in dem Ausmaß nicht mehr, der benötigt würde um wirklich artgerecht gehaltene Tiere der Schlachtbank zuzuführen damit unser sonntägliches Schnitzel am Teller liegen kann.
Jede Lebensmittelkette hat ihre eigenen Biolinie im Sortiment, “ja, natürlich!; Zurück zum Ursprung; Natur Aktiv; Echt B!o; Bio Trend… jede einzelne hat ihren Werbeslogan, ihr Werbegesicht, ihren Werbeschmäh.
Das die wunderbare Biowelt in der Werbung nur ein Trugbild ist das erklärt uns der Autor ausführlich, er geht auf die Suche nach den glücklichen Hühner, nach dem Bäcker der seinen Teig noch selbst mit Sauerteig ansetzt, statt auf Fertigbackmischung zurückzugreifen, und auch das Schweigen der Lämmer wird gehört.
Warum boomt BIO so? Österreich ist europaweit im Bereich Bio Spitzenreiter, bereits 2008 wurden hier 914 Millionen Euro umgesetzt, davon entfielen aber nur 6,9 % auf die Direktvermarkter (Quelle http://www.oege.at). 2010 betrug der Umsatz in der Bio-Branche bereits eine Milliarde Euro, nur in Österreich. Ein Boom seinesgleichen von dem so mancher andere Wirtschaftszweig nur träumen kann. Aber von diesem großen Kuchen ging der größte Teil an die Supermarktkonzerne.. ( 91,5 %)
Aber gehen wir doch einmal einkaufen… Kennen Sie sich bei den vielen Gütesiegeln, Ökölabels und all den schönen Auszeichnungen auf einer Packung noch aus? Auch mit dem Bewusstsein auf das Klima zu achten wird auf Kundenfang gegangen. Im Kapitel „Wasser- und Klimaschutz als Markenzeichen“, geht Arvay darauf ein und sagt uns beinhart die Wahrheit, nicht alles glauben was die Werbung verspricht.
Ist Handarbeit noch wirklich Handarbeit, oder wird es von Roboterhänden hergestellt, warum hat ein Bio Henderl nur so wenig Platz zum Leben, warum sind die Eier in den Verpackungen immer so sauber? Werden sie gewaschen oder liegt es nur daran das es zwar Freilandhaltung gibt, aber die Hühnerfüsse nicht dreckig werden dürfen?
Clemens G. Arvay geht mit der Werbung sehr hart ins Gericht, zu Recht pranget er an das wir alle nur zu gerne der Werbung glauben, auch um unser schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt zu beruhigen, greifen wir dann beim einkaufen zu den angepriesenen Lebensmitteln. Aber brauchen wir wirklich zig-verschiedene Milchsorten im in der Kühltheke, normale Milch, Milch vom Bergbauern, Frühstücksmilch, Halbfettmilch, Milch die zwar weiß ist, aber wie Wasser schmeckt? In den Kindertagen war es gang und gebe das in den Ortschaften es noch die Milchbauern gab, mit der Kanne wurde die Milch abgeholt, eine dicke Rahmschicht oben drauf. Welche Kinder kennen noch den Geschmack und den Geruch von frisch gemolkener Milch?
Äpfel aus biologischen Anbau, ja gerne, aber bitte schön genormt, jedes Jahr landen Tonnen von Lebensmitteln, auch biologische, in den Mülltonnen weil sie den Ansprüchen der Konzerne nicht genügen.
Geht man aber im Herbst auf einer Streuobstwiese spazieren, wird man feststellen das kein Apfel dem anderen gleicht.
Er zeigt uns die Wahrheit die hinter dem Bio- Schmäh steckt, fordert uns auf bewusster einzukaufen, nicht alles glauben was uns die Flimmerkiste verspricht. Wir fahren zum nächsten Discounter mit dem Auto, warum nicht mal nachschauen ob auf der Route nicht ein kleiner Bioladen liegt, statt den Äpfeln im Supermarkt die vom Bauern kaufen? Das es dort teurer ist, ist nicht immer der Fall. Qualität hat ihren Preis, aber wenn ich in meinem Bioladen Äpfel von der Umgebung zum gleichen Preis wie die im Supermarkt erhalte, ist es nicht ein Überlegung wert?
Es gibt Pioniere in diesem Bereich, auch sie haben ihren Platz im Buch, sie sind der Gegenpol, ein kleiner, aber es liegt an uns Konsumenten das diese ihren Marktanteil verstärken können, das sie Nachahmer finden.
Arvay hat gründlich recherchiert, Hintergründe genau beleuchtet, er wurde zum Bio-Konsument, zum Arbeitnehmer bei beim Qualitätsmanagment für einer Biolinie bei einem Discounter, er wurde zum Bio-Insider und nun zu einem der uns den Spiegel vorhält.
Er fordert von uns eine kritische Betrachtung der Vertragslandwirtschaft, deren Hauptabnehmer die Lebensmittelkonzerne sind, er plädiert für eine Unterstützung des Bio-Bauerntums in seiner ursprünglichen Idee. Gleichzeitig bringt er eine Diskussion die versteckt unter den Insidern, den ökologischen Agrarwissenschaftlern schon länger geführt wird, ins breite Licht der Öffentlichkeit.
>An diesem Buch werden viele schwer zu schlucken haben, die sich ihr gutes Gewissen bequem im Supermarkt kaufen wollten. Für alle, die sich nicht täuschen lassen wollen, ist es eine unverzichtbare Informationsquelle.< Klaus Werner-Lobo, Autor von >Schwarzbuch Markenfirmen<
Dipl.- Ing. Clemens G. Arvay, geboren 1980, studierte Biologie und Angewandte Pflanzenwissenschaften in Wien und Graz; langjähriger Insider in der Biolandwirtschaft. Der Autor ist freier Referent und Journalist in der Bildung für nachhaltige Entwicklung(http://www.arvay.info) und als Agrarbiologe bei der österreichischen Umweltschutzorganisation Global 2000 tätig.

