Buchpräsentationen-Lesungen
PERGAMENTUM

- Gebundene Ausgabe: 426 Seiten
- Verlag: Rütten & Loening; Auflage: 1 (27. August 2009)
- Sprache: Deutsch
Man schreibt das Jahr 1188, kurz vor der Heiligsprechung von Hildegard von Bingen, als ein Mönch an die Pforte des Nonnenklosters Eibingen pocht, mit einem fratzenverzehrten Gesicht, mit einem mehr als sonderbarem Verhalten begehrt er Einlass. Für die Nonnen ist er ein alter Bekannter, ein Glaubensbruder aus dem Kloster Zwiefalten,früher oft ein gerngesehener Gast bei der verstorbenen Äbtissin und Klostergründerin Hildegard von Bingen. Die Nonnen sind erschrocken ob des Aussehens und des Verhalten des Mönches, gewähren ihm jedoch nach dem ersten Schreck doch Obdach, doch am nächsten Morgen ist Bruder Adalbert tot, in seiner Hand hält er fest umklammert ein Stück Pergament. Die Nonne die den Toten entdeckt, nimmt das kleine Stück abgerissenes Pergament an sich, verbirgt es und versteckt es schließlich im Kloster.
Die junge Adlige Elysa von Bergheim ist auf dem Weg zu der Burg ihrer Eltern, die jetzt im Besitz ihres Bruders ist. Bei ihrem Onkel aufgewachsen, wurde ihr die Möglichkeit gegeben zu lesen, zu lernen, konnte sie ein Leben inmitten von Büchern führen, eine seltenes Privileg für eine Frau in der damaligen Zeit. Als Achtjährige hatte sie ihre Heimat verlassen, nun da ihr Bruder sich dem Kreuzzug anschließt soll sie als Statthalterin ihn vertreten. Auf der Reise wird sie begleitet von einem jungen Kanonikus, Clemens von Hagen, er wurde ihr als Reisebegleiter zur Seite gestellt. Die beiden bilden ein Paar voller Widersprüche, auf der einen Seite die junge Adlige, die die Aussagen der Kirche hinterfragt, auf der anderen den Vertreter des Glaubens, tief verwurzelt in seinem Leben als Stiftsherr, eingebettet in ein Leben mit seinen Glaubensbrüdern, streng nach den Regeln der Kirche. Clemens jedoch stellt die junge Frau vor eine vollendete Tatsache, sie soll nicht umgehend zu ihrem Bruder heimkehren , sondern als Novizin in das Kloster Eibingen eintreten.
Als Tochter eines Handwerkers soll sie dort in das Klosterleben wechseln, aber nicht die Weihen sollen ihr Ziel sein, sie soll als "verdeckte Ermittlerin" Licht in die Vorgänge im Nonnenkloster bringen. Seltsame Dinge, der Teufel soll dort sein Unwesen treiben, wurde an die Kirchenoberen berichtet, zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, neun Jahre nach ihrem Tod soll Hildegard von Bingen nun Heiliggesprochen werden. Elysa stimmt zu, bereit sich auf das Wagnis einzulassen, soll es doch nur ein paar Tag dauern, sie sich nur das Vertrauen der Nonnen erschleichen und etwas Licht in die Vorgänge bringen in der der Männern verbotenen Welt. Im Kloster trifft sie auf verbitterte Frauen, auf Frauen die im Glauben ihr Heil und ihre Zukunft gefunden haben, auf Frauen die Geheimnisse in sich bergen, Frauen die bereit sind zu morden. All das unter dem Licht von Hildegard von Bingen, auch Jahre nach ihrem Tod noch immer präsent in den Gedanken und Handlungen der Nonnen. Machtkämpfe, Intrigen und das Wissen Hildegard, ihr Andenken und ihr Vermächtnis stehen im Mittelpunkt des historischen Krimis. Eine Nonne wird nach einem schrecklichen Brand zur Prophetin, spricht wirklich Hildegard aus ihrem Mund, oder der Wahnsinn? Was hat es mit dem Stück Pergament auf sich, was verbirgt sich hinter den Rätseln der Litterare Ignotae und mussten Menschen sterben weil sie die letzten waren die die geheime Sprache kannten und das Geheimnis um die Visionen der Heiligen? Hildegard von Bingen war zu Lebzeiten schon umstritten und in der von Männern dominierten Kirchenhirachie einigen ein Dorn im Auge, wagte sie es doch gegen Papst und Kaiser zu reden, sie maßzuregeln, im Namen ihrer Visionen. Nach ihrem Tod setzten sich so manche dieser Männer dafür ein, das Andenken der Frau zu schmälern, Geheimnisse zu bewahren und eine Heiligsprechung zu verhindern. In diesen Strudel der Machtspiele gerät die junge Elysa,nicht nur sie gerät in Gefahr, auch Clemens muss erkennen das ein Freund auch ein Feind sein kann.
Heike Koschyk hat 2009 ein Buch über Hildegard von Bingen veröffentlich, eine Biografie einer der faszinierendsten weiblichen Persönlichkeit der deutschen Kirchengeschichte.In 26 Visionen legte die Meisterin vom Rupertiberg in bildlichen Darstellungen ihre Anschauung des Weltbildes dar, 1147 wurde sie von Papst Eugen III. als Prophetin anerkannt, predigte nun im deutschen Reich gegen die sinkende Moral, gegen die Habgier und Machtgelüste der Klerus, widmete sich der Volksmedizin, schrieb Abhandlungen über Heilpflanzen, deren Wirkung und die Ursachen von Krankheiten. Sie schuf sich ein Wissen in Theologie, Wissenschaft und Naturwissenschaften das in der damaligen Zeit seinesgleichen suchte, schrieb als Komponistin geistliche Musik, gründete Klöster. Friedrich Barbaraossa, Bernhard von Clairvaux, der deutsche Kaiser und der Papst standen im Briefwechsel mit ihr, anerkannten sie und ihr Wissen. Zu Lebzeiten schon verehrt wurde.
Die Autorin hat ihr umfangreiches Wissen das sie sich während ihrer Recherchen aneignete hier gekonnt in einen spannenden historischen Krimi umgesetzt, sie steht offen dazu das die Geschichte der Handlung Fiktion ist, aber bleibt ansonsten der Wahrheit und den historischen Fakten treu. Vereint das ganze gekonnt zu einem Bilderbogen der uns in die Klosterwelt des 12. Jahrhunderts eintauchen lässt, nimmt die offenen Fragen in der Forschung rund um das Leben Hildegard von Bingens zum Anlass einen Krimi zu schreiben der auch die machtpolitischen Gedanken von Klerus und dem Kaiser aufzeigt. Mit "Pergamentum" ist Koschyk ein sehr gutes Werk gelungen, Krimispannung und doch auch Historie gekonnt vereint.
Durch die detailgetreue Beschreibung des Lebens, des Klosters und der einzelen Figuren, die genaue Kenntnisse rund um das Leben von Hildegard von Bingen, als das zusammen bringt als Ergebnis einen sehr gelungen Mittelalterkrimi, wo ich mir wünschen würde die Geschichte wäre noch nicht zu Ende, vielleicht gibt es ja bald etwas neues aus der Welt der Klöster, vielleicht hat Elysa doch im Flüstern des Windes mehr gehört und begibt sich auf eine Reise zu den Visionen der Meisterin.
Wer mehr über Hldegard von Bingen wissen möche, sei die Biografie Hildegard von Bingen. Ein Leben im Licht: Biographie (Heike Koschyk, Aufbau Verlag 2009) empfohlen.
1967 in New York geboren
Agatha -Christie -Krimipreis 2009
